# Fachkräftemangel in MV: Was Unternehmen jetzt wirklich tun können
Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern verliert seit Jahrzehnten Menschen. Junge, gut ausgebildete Menschen, die in den Westen ziehen. Das ist eine Tatsache, an der kein Unternehmen alleine etwas ändern kann.
Trotzdem gibt es Unternehmen in MV, die ihre offenen Stellen besetzen. Manche schaffen das sogar in Berufsgruppen, in denen andere seit Monaten vergeblich suchen. Was machen die anders?
Das Problem liegt nicht nur am Mangel
Der erste Schritt ist eine unbequeme Wahrheit: Nicht jede unbesetzte Stelle ist nur ein Resultat des Fachkräftemangels. Manchmal liegt es auch daran, wie und wo gesucht wird.
Stellenanzeigen auf Indeed für einen Elektriker in Güstrow. Eine Anzeige, die aussieht wie alle anderen. Keine Reaktion. Dann: "Es gibt keine Elektriker mehr in MV."
Vielleicht. Oder: Es gibt Elektriker in MV, die gerade bei einem anderen Betrieb arbeiten, grundsätzlich wechselbereit wären, aber nie von dieser Stelle erfahren haben. Weil sie nicht auf Indeed suchen.
Das ist der Unterschied zwischen aktivem und passivem Recruiting-Markt. In MV, wo der aktiv suchende Teil des Marktes tatsächlich klein ist, zählt nur der Zugang zum passiven Markt.
Wie der passive Markt in MV aussieht
Über 70 Prozent aller Fachkräfte in MV sind nicht aktiv auf Jobsuche. Sie haben einen Job – oft keinen perfekten, aber einen. Sie würden wechseln, wenn das Angebot stimmt. Aber sie bewerben sich nicht aktiv.
Diese Menschen erreicht man nicht über Jobportale. Man erreicht sie dort, wo sie täglich Zeit verbringen: auf Facebook, Instagram, YouTube. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern, wo die Bevölkerungsdichte groß ist, sind in MV die relevanten Social-Media-Plattformen sogar besonders effektiv für Fachkräfte-Recruiting. Weil die Konkurrenz unter den werbenden Arbeitgebern geringer ist.
Ein Handwerksbetrieb in Schwerin, der auf Facebook eine Anzeige für einen SHK-Anlagenmechaniker schaltet, konkurriert dort mit deutlich weniger anderen Arbeitgebern als ein vergleichbarer Betrieb in Hamburg oder Stuttgart. Das ist ein echter Vorteil des regionalen Marktes – aber er wird kaum genutzt.
Was Unternehmen tun, die trotzdem einstellen
Wir haben über die Jahre mehrere Dutzend Unternehmen in MV bei ihrer Personalsuche begleitet. Die, die erfolgreich waren, hatten ein paar Dinge gemeinsam.
Sie hatten eine klare Botschaft. Nicht "wir bieten ein gutes Betriebsklima". Sondern: Was konkret hebt dieses Unternehmen ab? Firmenwagen auch privat. Feste Arbeitszeiten ohne Überraschungen. Chefin, die jeden Geburtstag kennt. Regionaler Betrieb mit kurzen Wegen nach Hause. Das sind keine Floskeln – das sind echte Entscheidungsgründe.
Sie haben authentischen Content verwendet. Ein Video, in dem ein Mitarbeiter erklärt, warum er in dem Betrieb geblieben ist, obwohl er nach Hamburg hätte ziehen können – das überzeugt andere, es ihm gleichzutun. Regionalität ist in MV nicht peinlich. Sie ist oft ein echtes Verkaufsargument.
Sie haben schnell reagiert. In einem kleinen Markt spricht sich rum, wer auf Bewerbungen reagiert und wer nicht. Wer nach einer Woche noch keine Antwort gegeben hat, hat die Person verloren. In MV sind die Netzwerke eng – Bewerbungen über Mundpropaganda oder durch Ermutigung von Bekannten sind häufig.
Sie haben über Empfehlungen rekrutiert. Das ist in MV besonders effektiv. Der Markt ist klein, die Netzwerke sind es auch. Wer die eigene Belegschaft als Multiplikator nutzt – mit oder ohne formales Empfehlungsprogramm – hat Zugang zu einem Kandidatenpool, den kein Stellenportal bietet.
Das MV-spezifische Argument, das zu wenig genutzt wird
Es gibt ein Argument, das für das Leben und Arbeiten in MV spricht und das außerhalb von MV niemand so bietet: Lebensqualität bei vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten.
Ostseenähe, Natur, kurze Wege, bezahlbares Wohnen, weniger Stress als in Ballungsräumen. Für viele Menschen, die in Hamburg oder Berlin arbeiten und dort 60 Prozent des Einkommens für Miete ausgeben, ist das ein ernsthaftes Argument für eine Rückkehr – wenn der Job stimmt.
Zu wenige Unternehmen in MV nutzen das aktiv. Rückkehr-Kampagnen, die explizit Menschen ansprechen, die das Bundesland verlassen haben und unter den richtigen Umständen zurückwären, sind fast nie zu sehen.
Das ist eine Lücke, die zu nutzen sich lohnt.
Was kurzfristig hilft und was mittelfristig zählt
Kurzfristig: Social-Media-Recruiting für aktuelle offene Stellen. Kombination aus bezahlter Reichweite und authentischem Content. Das generiert in drei bis acht Wochen qualifizierte Bewerbungen – auch für Positionen, die klassisch schwer zu besetzen sind.
Mittelfristig: Arbeitgebermarke aufbauen. Das bedeutet, auch wenn keine Stelle offen ist, als Arbeitgeber sichtbar zu bleiben. Einblicke in den Alltag zeigen, Mitarbeiter zu Wort kommen lassen, regionale Präsenz demonstrieren. Wer als Arbeitgeber bekannt ist, hat bei der nächsten Suche einen Vorsprung.
Langfristig: Ausbildung. Wer in MV Azubis ausbildet und hält, hat die verlässlichste Fachkräftequelle. Das erfordert Aufwand in der Ausbildungsqualität und im Azubi-Recruiting. Aber es ist das Fundament, auf dem nachhaltige Personalplanung in einer Region mit strukturellen Herausforderungen aufbaut.
Ein realistischer Schlusssatz
Der Fachkräftemangel in MV wird nicht verschwinden. Aber er ist kein Schicksal, dem Unternehmen hilflos ausgeliefert sind. Die, die erfolgreich rekrutieren, nutzen die Kanäle, die funktionieren, und kommunizieren, was wirklich zählt.
Das ist kein Wunder. Das ist handwerklich gute Arbeit.

